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It´s the software, stupid!

Blog-Eintrag   •   Jun 13, 2018 10:00 CEST

Dematerialisierung: Hardware verwandelt sich in Software und Services. © Cybrain | fotolia.de

„Software verspeist die Welt“, schrieb der Investor Marc Andreessen 2011 in einem Kommentar für das "Wall Street Journal": Wie recht der Mann, der einst die ersten Webbrowser mitentwickelte, mit dieser These immer noch hat! Ein Produkt nach dem anderen verwandelt sich in Software. 

Von Karl-Heinz Land

Überprüfen Sie doch mal Ihr Smartphone. Jede Wette, Sie finden dort einige Programme, die Dinge ersetzen, die Sie einmal besessen haben. Tickets. Musikplayer. Scanner. Kamera. Und so weiter. Zur Software drängt, an Software hängt doch alles, frei nach Goethe. Und das umso mehr, seit Steve Jobs im Jahre 2007 der Öffentlichkeit das erste echte Smartphone bescherte.

Wir haben also die Ära der Dematerialisierung erreicht. Der deutschen Unternehmer und Ingenieure bestes Stück, das physische Produkt, verliert an Bedeutung. Nicht, weil Qualität „Made in Germany“ nicht mehr gefragt wäre, sondern weil Wertschöpfung zunehmend aus Daten und über Services generiert wird. Die Maschine, die Anlage, das hydraulische oder elektronische Bauteil stehen nicht mehr im Fokus der Kunden. Wichtiger wird, wie sie sich im Internet der Dinge und im Zusammenspiel mit anderen Produkten verhalten, welche monetarisierbaren Datenströme sie erzeugen und welches Automatisierungspotenzial sie mit sich bringen. Jedes materielle Produkt braucht deshalb einen digitalen Zwilling.

Kultur schlägt Technologie

Der wichtigste Punkt dabei ist nicht die Technologie, sondern die Kultur: Die Industrieunternehmen müssen ihr Selbstverständnis verändern. Die Kernfrage ist nicht mehr, ob sie groß- und einzigartige Produkte fertigen. Vielmehr rückt der immaterielle Mehrwert in den Mittelpunkt, den sie mittels Daten und Services an ihre Güter heften können. So mancher von Deutschlands vielgelobten Hidden Champions hat diese Aufgabe noch nicht gelöst. Und vom versteckten Weltmarktführer zu einem Opfer des „digitalen Darwinismus“, der den Anschluss an die sich wandelnden Kundenbedürfnisse und die digitalen Technologien verpasst hat, ist es nur ein kurzer Weg.

Heute geht es nicht mehr darum, den Markt mit Perfektion zu überraschen, sondern darum, möglichst früh mit den Kunden zu interagieren. Ein „Minimal Viable Product“, also ein gerade mal funktionierendes Produkt, ist mitunter sinnvoller, als eine Idee bis zu ihrem Ende zu entwickeln und womöglich auch schon die Produktionsressourcen bereitstellen. Das kann ein böses Erwachen geben. Genauso wichtig: Entwicklungspartnerschaften eingehen. Mit Start-ups, mit Schlüsselkunden und sogar mit Konkurrenten. Das Wertschöpfungspotenzial aus Daten und Services entfaltet erst im Systemverbund seine Kraft.

Wenn ein Hersteller heute überlebensfähig bleiben will, muss er sich zum Datenhaus und Dienstleister entwickeln. Der Wahlkampfslogan des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton – "It´s the economy, stupid!" – bedarf deshalb einer Präzisierung: "It´s the software, stupid."

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Der Beitrag erschien in leicht anderer Fassung unter der Überschrift "Produkte verwandeln sich in Software" in der Fachzeitschrift Automationspraxis.

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