Karl-Heinz Land folgen

Interview im "Verbändereport": "Die Digitalisierung ändert nichts – nur alles"

Blog-Eintrag   •   Aug 03, 2017 15:30 CEST

Verbändereport 5/2017

Technischer Fortschritt ist irreversibel. Das gilt auch für die Digitalisierung. Vielleicht mehr denn je hat der digitale Fortschritt Folgen für unser Leben – privat wie beruflich. Denn: Der Einsatz dieser Technologie verändert unser Leben zuweilen still und unbemerkt, manchmal aber auch revolutionär und gewaltig. Die meisten von uns mögen Technologie und den damit verbundenen Fortschritt. Wir setzen uns für diese Weiterentwicklung ein. Unsere Aufgabe dabei ist es, die Auswirkungen der Digitalisierung bei der Einführung moralisch und ethisch einzuordnen und zu unserem Wohle zu bedenken. Der Verbändereport sprach mit dem selbst ernannten Digital Darwinisten und Evangelisten Karl-Heinz Land über berufliche, private, soziale und strukturelle Auswirkungen der digitalen Transformation.

Herr Land, wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters, das möglicherweise unser Leben auf den Kopf stellt. Wie lässt sich diese Ära in unser gesellschaftliches, wirtschaftliches und privates Verständnis einsortieren?

Die Digitalisierung ändert nichts – nur alles. Sie durchzieht als Matrixfunktion alle Bereiche des Lebens, der Wirtschaft, des Miteinanders. Wir gleiten in eine hypervernetzte Welt, mit der wir mit diesem kleinen Ding in der Tasche, dem Smartphone, immer und überall verbunden sind. Außerdem verwandeln sich immer mehr physische Produkte in Apps, in Software. Sie dematerialisieren. Ein Handy hat heute Funktionen, für die noch vor zehn Jahren eine Kofferraumladung voller Geräte notwendig war. Gleichzeitig verändert sich die Art und Weise, wie Menschen miteinander, aber auch wie Unternehmen mit ihren Kunden kommunizieren. What´s App? Snapchat? Beide gab es vor ein paar Jahren noch gar nicht.

Können Sie sich vorstellen, dass wir Menschen auch in zehn Jahren noch jeden Tag zur Arbeit fahren, um dort die gleichen Tätigkeiten auszuführen wie heute?

Ja, es wird wohl noch einige Menschen geben, die jeden Tag zur Arbeit gehen. Aber eben nur einige. Die digitale Transformation macht gut die Hälfte der Jobs überflüssig. Künstliche Intelligenz, Roboter, kurzum die Maschinen können schon jetzt viele Tätigkeiten besser erledigen als wir Menschen. Dazu zählen mittlerweile auch kognitiv anspruchsvolle Aufgaben. Ob im Büro, in der Verwaltung, in der Fabrik oder in der Buchhaltung – der Mensch hat dort nicht mehr viel verloren. Die verbleibende Arbeit wird eine ganz andere sein. Heute arbeiten die Menschen mehrheitlich zu festgelegten Zeiten, an einem Ort, unter einer gewissen Kontrolle und in einer Hierarchie. Künftig arbeitest Du, wann immer Du willst, wo immer Du willst und eigenverantwortlich. Neue Arbeits- und Arbeitszeitmodelle werden sich durchsetzen.

Da möchte ich nachhaken: Sie teilen die Ansicht, dass mit der Digitalisierung ein kräftiger Arbeitsplatzmarktverlust einhergeht?

Wer die Digitalisierung konsequent zu Ende denkt, kann zu keinem anderen Urteil kommen. Die Forscher Carl Benedict Frey und Michal A. Osborne von der Oxford University haben schon vor Jahren eine vielbeachtete Studie über den US-amerikanischen Arbeitsmarkt veröffentlicht. Sie sagen: 47 Prozent der Jobs stehen im Risiko. Nun ist es so, dass die Bundesregierung von viel niedrigeren Werten ausgeht: zwölf Prozent. Aber sie begeht einen Denkfehler. Sie betrachtet nur die Automatisierung. Wir erleben aber eben auch eine Dematerialisierung. Und man muss sich über eines im Klaren sein: Wenn Produkte zu Software und Services werden, lösen sich komplette Wertschöpfungsketten mit ihren Fabriken, Maschinen und Arbeitsplätzen im Nichts auf.


Und die neuen Berufe, die durch die Digitalisierung entstehen? Fangen sie den Verlust nicht auf?

Sicher wird es neue Berufsbilder geben. Viele Unternehmen beschäftigen heute schon „Data Scientists“, die sich auf die Datenberge stürzen, und wir brauchen Programmierer ohne Ende. Aber viele dieser Jobs haben eine geringe Halbwertzeit. Selbstlernende Künstliche Intelligenzen werden schon bald viel besser in der Lage sein, solche Aufgaben zu erledigen. Ich glaube nicht, dass in zwanzig Jahren noch viele Programmierer Arbeit haben. Aber wir brauchen natürlich hochqualifizierte Menschen. Vor allem aber, wenn ich diesen Aspekt kurz einbringen darf, benötigen wir ein Norm- und Wertesystem, das die Künstliche Intelligenz auf einem – und ich meine das jetzt wirklich im ethischen Sinne – guten Weg hält.

Wie könnten bei Ihnen persönlich ein berufliches und ein privates Szenario für das Jahr 2030 aussehen?

Es ist nur noch ein Szenario, über das wir hier reden. Privatleben und Beruf verschmelzen. Vielleicht beginne ich diesen Tag im Jahr 2030 mit ein paar Fitnessübungen. Klingt gut, oder? Nach dem Frühstück höre ich mal, was Alexa oder Siri mir zu sagen haben: Wetter, Nachrichten, Termine und den Status meiner Shoppingliste, den sie bereits an meinen Lieblingssupermarkt übermittelt haben. Ich gebe mein Okay, dass die Lieferung gebracht wird. Von einem Roboter. Dann schaue ich mir eine Reihe von Tasks an, die ich heute übernehmen möchte. Es ist wie bei den Click-Workern heute, nur auf einem höheren Niveau. Es ist wirklich super, nur noch das zu tun, was ich wirklich möchte. Das funktioniert, denn in der Crowd gibt es immer jemanden, der jene Aufgaben gerne übernimmt, zu denen ich gerade keine Lust habe. Die schönen Seiten des Lebens nicht zu vergessen: Abends geht es ins Theater. Da ich in der Stadt lebe, besitze ich ein eigenes Auto nur noch zum Spaß und fürs Wochenende. Das sei gestattet. Ansonsten nutze ich autonome Fahrsysteme. 18:30 Uhr wird ein Wagen vor meiner Tür stehen, perfekt.

Von welchem Zeitraum sprechen Sie? Wird die Digitalisierung in kürzester Zeit unsere Welt erneuern?

Absolut! Der Faktor Zeit wird in der Digitalisierung von Managern und Politikern dramatisch unterschätzt. Ich kann da nur immer mit dem Kopf schütteln. Es geht jetzt rasend schnell voran. Die Leistungsfähigkeit der IT entwickelt sich nicht linear, sondern exponentiell. Deshalb machen mehrere Zukunftstechnologien zeitgleich einen Riesensprung nach vorne: die Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, die Robotik und der 3D-Druck, um die wichtigsten zu nennen. Wir leben in einer Zeitschmelze. Zeit ist der kritische Faktor, sie ist die eine Ressource, von der wir in der Digitalisierung immer zu wenig haben werden. Es hat länger als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis 50 Millionen Telefone in Betrieb waren, immer noch länger als ein Jahrzehnt, bis 50 Millionen Fernsehgeräte verkauft wurden, aber nur wenige Stunden, bis Pokemon Go 50 Millionen User hatte. Eine irre Beschleunigung!

Worauf stützen sich Ihre Prognosen?

Ich bin seit 30 Jahren in der digitalen Wirtschaft unterwegs, erlebe und spüre die Veränderung, auch die Wucht und das Tempo, mit denen die digitale Transformation jetzt voranschreitet. Es gibt viele wichtige Studien und kluge Bücher zu dem Thema, und mit etwas gesundem Menschenverstand gewinnt man einen freien Blick auf mögliche Szenarien. Entscheidend ist, die verschiedenen Stränge im Zusammenhang zu sehen. Nehmen wir die Stadt der Zukunft: Sie wird nicht durch eine Innovation bestimmt, sondern durch autonomes Fahren, das Internet der Dinge, Roboter, Künstliche Intelligenz und Daten, Daten und nochmals Daten. Wenn man eins und eins zusammenzählt und dann noch Megatrends wie den demographischen Wandel und die Urbanisierung ins Kalkül zieht, sieht man die Zukunft klarer. Der positive Effekt für unser aller Leben stellt sich nicht wegen einer neuen Technologie ein, sondern weil sich die verschiedenen Faktoren gegenseitig verstärken. Eins und eins ergibt drei.

Inwieweit bereitet unser Bildungssystem auf die Digitalisierung vor?

Die Schulausbildung ist zu stromlinienförmig auf das Erwerbsleben ausgerichtet. Wir bilden Millionen junger Menschen für einen Arbeitsmarkt aus, den es nicht geben wird. Das Bildungssystem muss also künftig zweierlei leisten: Erstens muss es die Menschen für die Digitale Transformation befähigen, und es darf keine strategische Bildungslücke entstehen lassen. Zweitens müssen die Menschen auch für ein Leben lernen, in dem Arbeit keinen wichtigen Platz mehr einnimmt. Die Aufgabe ist es, Kompetenzen zu entwickeln, die ein selbstbestimmtes Leben in einer digitalen Welt ermöglichen: Sozialkompetenz, Methodenkompetenz, kognitive und kreative Fähigkeiten, die Fähigkeit zur Abstraktion. Was machen stattdessen die Schulen? Sie vermitteln Faktenwissen. Das können wir getrost dem Netz überlassen. Das weiß es ohnehin besser.

Wer wird zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern der Digitalisierung gehören?

All diejenigen, die automatisierbare Tätigkeiten ausführen, werden sich neu orientieren müssen. Dazu zählen vor allem Büro- und Sekretariatsarbeiten, der Verkauf, der Gastronomieservice oder auch das Controlling und das Steuerberaterwesen. Anders als andere Experten sehe ich auch viele Arbeitsplätze im klassischen Maschinenbau und in der Automobilindustrie in Gefahr. Wir werden in einer dematerialisierten Welt von beidem weniger benötigen. Eher nicht gefährdet sind Berufe in der Kranken- und Altenpflege, in der Kindererziehung, in der Sozialarbeit, in Ausbildung und Lehre. Und selbstredend benötigen wir die Experten, die die digitalen Technologien entwickeln, betreiben und managen. Aber man darf sich nichts vormachen: Durch Künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme können Maschinen ziemlich viel erledigen, auch kognitive oder kreative Aufgaben, die bisher als Domäne des Menschen galten. Sie schreiben mittlerweile ziemlich gut Texte. Daten auswerten und Strukturen erkennen, was zum Beispiel in der Medizin ein großes Thema ist – darin sind sie sowieso besser.

Welche Rolle spielen wir Menschen im Zeitalter der Digitalisierung? Mit welchen gesellschaftlichen Auswirkungen rechnen Sie?

Das ist eine ganz entscheidende Frage. Wir dürfen uns nicht von der Digitalisierung und ihrer ökonomischen Macht treiben lassen. Noch können wir diesen Wandel gestalten und die Innovationen in unseren Dienst stellen. Für eine bessere Medizin und einen schonenden Umgang mit unseren Ressourcen beispielsweise. Ich plädiere deshalb schon seit langem für eine grundlegende Debatte, für einen Thinktank, für eine Vision für Deutschland 4.0 und wundere mich immer mehr darüber, dass die Politik, die gesamte organisierte Öffentlichkeit darauf nicht einstiegt. Wie sieht denn unsere Gesellschaft aus, wenn für die Hälfte der Menschen keine Arbeit mehr da ist? Dafür brauchen wir einen Konsens. Es muss möglich sein, ein sinnerfülltes Leben zu führen, das sich nicht über Arbeit definiert. Aus meiner Sicht führt an einem bedingungslosen Grundeinkommen kein Weg mehr vorbei. Die Menschen werden es gut nutzen, da bin ich mir sicher, und sich sozial, ökologisch und kreativ engagieren. Die Alternative wäre, die Massen wie im alten Rom mit Brot und Spielen bei Laune zu halten – das ist keine verlockende Aussicht.

Sie prognostizieren, dass wir Menschen Güter teilen und nicht mehr besitzen werden. Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft sind aber auf Wachstum getrimmt. Wird dieses Wachstum „anders“ stattfinden oder benötigen wir zukünftig kein Wachstum mehr?

Apokalyptisch könnte man sagen: Vermutlich wird der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, kollabieren. Dass Besitz in der Share Economy an Bedeutung verliert, ist ein Treiber des Umbruchs, weil der Konsum nach unten geht. Ich sehe das aber konstruktiv. Wenn wir es klug anstellen, landen wir in einer besseren Welt. Was wird passieren? Wir bekommen das, was Ökonomen so niedlich mit „Negativwachstum“ umschreiben. Die Wirtschaft schrumpft. Gleichzeitig steigt die Produktivität, und das muss sie auch, denn Maßnahmen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen müssen eben auch finanziert werden, beispielsweise über eine Maschinensteuer. Übrigens hat die Digitalisierung bisher nicht zu einer höheren Produktivität geführt. Das ändert sich erst jetzt, da komplette Wertschöpfungsketten durchdigitalisiert werden.

Sprechen wir über die Verbände. Werden sie in zehn oder 20 Jahren komplett anders aussehen?

Definitiv, und die Ansprüche ihrer Mitglieder werden sich wandeln. Es gilt, eine Transformation mitzugestalten, in der sich die Wertschöpfungsstrukturen von heute einfach auflösen werden, eine hypervernetzte Wirtschaft 4.0. Jeder wird mit jedem Geschäfte machen können, auch direkt mit dem Endverbraucher. Damit verschwindet die Schubladendenke aus dem Wirtschaftsgefüge. Wer ist dann Produzent, wer Groß- oder Einzelhändler? Niemand mehr so richtig. Das heißt aber auch, dass es wechselnde, amorphe Interessenlagen geben wird. Also, in dieser Entwicklung einen Platz zu finden und fähig sein, trotzdem Meinungen zu bilden und die Interessen einer Gruppe zu vertreten, das wird eine spannende Aufgabe.

Was bedeutet das für den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der Verbände, für ihren Beitrag zur Meinungsbildung?

Fake News, Bots und Filter Bubbles in den sozialen Medien machen die Meinungsbildung ja nicht einfacher. Die Verbände müssen dagegenhalten, und das können sie am eindrucksvollsten, je klarer und eindeutiger ihr Mandat dazu ist. Sie werden die digitalen und sozialen Medien einsetzen müssen, um in Echtzeit immer ein belastbares Votum ihrer Mitglieder zu haben. Zumal Lobbyismus immer schwieriger wird, denn die Digitalisierung wird noch mehr Transparenz mit sich bringen, als sie es heute schon tut. Auf Absprachen im stillen Kämmerlein und Diskretion würde ich mich in Zukunft nicht mehr verlassen. Dies sagend glaube ich, dass Verbände für ihre Mitglieder noch wichtiger werden. Die Neuverteilung der Welt verlangt ständig neue Absprachen, wir streben ja nicht in einen Zustand der digitalen Anarchie. Eine starke, legitimierte Stimme zu haben, ist für Unternehmen und für Mitglieder dabei von großem Wert.

Eine persönliche Frage: Wovor haben Sie mit Blick auf die Digitalisierung den größten Respekt?

Nie war der digitale Wandel so schnell wie heute, nie wieder wird er so langsam sein. Es gab mal eine Zeit, da konnte man mit Slogans wie „Keine Experimente“ oder mit einer „Politik der ruhigen Hand“ Wahlkämpfe gewinnen. Solch eine Haltung macht mir heute echt Angst. Ich sorge mich, dass wir als Gesellschaft den Punkt verpassen, an dem wir der Digitalisierung noch unseren Stempel aufdrücken können und uns lieber fremdbestimmen lassen. Und ich fürchte mich vor Missbrauch. Künstliche Intelligenz in Drohnen ist so etwas, das wir unbedingt verhindern sollten. Was können diese Teile alles anstellen? Wir wissen es nicht. Digitalisierung ist eben nicht gut oder schlecht. Sie ist immer Problem und Lösung zugleich. Eine andere Sorge ist, dass die Menschen diese Schere nicht aus dem Kopf kriegen: Sie spüren die Veränderung in allen Verästelungen ihres Lebens, aber sie denken nicht um, bleiben bei den Risiken hängen und übersehen die Chancen. Der Mensch, das muss man sich immer wieder mal ins Gedächtnis rufen, war nie zum Arbeiten gemacht. Wir kamen aus dem Paradies, haben vom Apfel der Erkenntnis genascht, und müssen zur Strafe arbeiten. Jetzt dürfen wir zurück ins Paradies - und wehren uns dagegen!

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