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Industrie 4.0 – Valium für die Unternehmen

Blog-Eintrag   •   Sep 12, 2016 15:28 CEST

Karl-Heinz Land, Digital Evangelist und CEO der Strategie- und Transformationsberatung neuland

Von Karl-Heinz Land

Das Konzept der „Industrie 4.0“ wiegt deutsche Unternehmen in trügerischer Sicherheit. Es ist nicht einmal halb so zukunftsweisend, wie viele denken. Wir müssen dringend über die „Wirtschaft 4.0“ reden, zumal wir uns in einer gefährlichen Phase der Digitalen Transformation befinden – der Zeitschmelze.

Kaum ein Begriff wird so mit der digitalen Zukunft des Standorts Deutschland verknüpft wie das Schlagwort „Industrie 4.0“. Auch die Bundesregierung trägt dieses Konzept wie eine Fahne vor sich her. Nach dem Motto: "Seht her, wir kümmern uns um die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Wir setzen uns an die Spitze der Bewegung.” Auf ihrer Plattform Industrie 4.0 breiten die Bundesministerien für Wirtschaft und Energie (BMWi) sowie für Bildung und Forschung (BMBF) Konzepte, Ideen und Beispiele zur Industrie 4.0 aus. Eine interaktive Landkarte weist sogar den Weg zu über 200 Vorzeigeprojekten, die, so die Definition von Industrie 4.0, die „Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik verzahnen“. Das klingt in einem Land, dessen Volkswirtschaft durch Industrie und produzierendem Mittelstand groß geworden ist, unglaublich innovativ und zukunftssichernd. Ist es aber nicht. Industrie 4.0 ist wie Sand, der den Unternehmern in die Augen gestreut wird. Valium. Lieb Wirtschaftsdeutschland, magst ruhig sein. Wir schaffen das.

Industrie 4.0 schadet dem Standort Deutschland

Die Realität ist eine andere: Die Konzentration auf die Industrie 4.0 schadet dem Standort Deutschland. Sie wiegt die Unternehmen in dem Irrglauben, sie hätten ihre Hausaufgaben gemacht. Industrie 4.0 verhindert Innovation und disruptive Geschäftsmodelle. Mit Industrie 4.0 setzt die deutsche Wirtschaft auf das Immergleiche: Produktion, nun eben intelligenter mit den Mitteln der Digitalen Transformation, mit „smart plants“ und „smart factories“ als Ziel, aber eben ganz im Sinne tradierter Wertschöpfungsketten. Die Propagandisten der Industrie 4.0 übersehen dabei völlig, dass sich die alten Wirtschaftsstrukturen in der Digitalen Transformation auflösen. Die Wertschöpfungsketten brechen auf. Warum sollten in Zukunft Produkte vom Produzenten über einen mehrstufigen Vertrieb zum Abnehmer im Business-to-Business-Geschäft oder zum Endverbraucher getragen werden? Diese Vorstellung ist nicht mehr zeitgemäß. Die „Mittelsmänner“ in den Märkten werden mehr und mehr verschwinden. Wertschöpfung geschieht künftig in einem Netz, in dem jeder mit jedem direkt verbunden ist.

Statt Industrie 4.0 benötigen wir dringend eine umfassendere Sicht auf die Wirtschaft der Zukunft, einen neuen Bezugsrahmen, damit keine digital optimierten Produktionskapazitäten vorgehalten werden, die niemand mehr braucht oder die den Gesetzen der neu entstehenden Netzökonomie nicht entsprechen. Blicken wir auf das große Ganze. Auf die Wirtschaft 4.0. Weitsichtige Unternehmen tun das längst. 

Achtung, Zeitschmelze!

Wer Michael Nilles, Vorstand von Schindler Aufzüge und CIO des Jahres 2015, zuhört, gewinnt einen klaren Eindruck davon, wie sich ein klassischer Produzent im „Internet of everything“ seine Wettbewerbsvorteile über Software und Services sichert: Nicht nur, dass Servicemitarbeiter von Schindler über Störungen in Aufzügen und den Zustand der Anlagen in Echtzeit informiert werden, dass ihre Routen nach Art der Störung und vorhandenen Kompetenzen automatisch disponiert werden. Mit seiner Port-Technology optimiert das Unternehmen in großen Gebäudekomplexen die Halte der Aufzüge und bietet dem Nutzer über Smart Cards oder eine App die Möglichkeit, den schnellsten Weg in sein Büro im 27. Stock zu finden. Schindler dematerialisiert mit diesem Ansatz sein Kernprodukt: Statt acht Aufzüge braucht ein Wolkenkratzer vielleicht nur noch sechs, weil die Auslastung hochintelligent ausgesteuert ist. Real Time-Daten, das Internet der Dinge, die Cloud und Apps für Mitarbeiter wie Kunden spielen hier auf bemerkenswerte Art und Weise zusammen und kreieren eine überlegene „customer experience“.

„Denken Sie groß und disruptiv und orientieren Sie sich radikal an den Kundenbedürfnissen. Beginnen Sie mit einem Inkubator als eigenständige Einheit. Nutzen Sie ,rapid prototyping', schaffen Sie ,use cases' und ,early wins'. Bauen Sie die digitalen Fähigkeiten aus.“ Michael Nilles auf dem Digital Business Day in Bonn im Juni 2016 

Das ist der Sound der Wirtschaft 4.0, und er erzählt nicht nur von umfassender Vernetzung und ganz neuen Kundenerlebnissen durch disruptive, digitalisierte Geschäftsmodelle, sondern auch von Geschwindigkeit. Noch ist ein Zeitfenster offen, in dem die deutsche Wirtschaft den Sprung in diese Wirtschaft 4.0 schaffen kann. Aber wir erleben gerade eine Zeitschmelze. Neue Technologien und Methoden gelangen schneller zur Marktreife, als wir noch vor zwei, drei Jahren gedacht haben. Der Spielraum schwindet. Wer auf Industrie 4.0 statt auf Wirtschaft 4.0 setzt, vergeudet wertvolle Zeit. Er rennt in der Illusion, das Richtige zu tun, auf das falsche Ziel zu.

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