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Die Idee der Industrie 4.0 springt viel zu kurz

Blog-Eintrag   •   Mai 23, 2018 11:13 CEST

Wirtschaft 4.0: hypervernetzt und ohne Mittelsmänner (c)Fotolia/vege

Wie emsig Politiker und Unternehmer an der Industrie 4.0 arbeiten! Mit großem Engagement forciert die Bundesregierung den Trend zu smarten Fabriken. Auf den ersten Blick entsteht so der Eindruck, der Wirtschaftsstandort Deutschland arbeite konzertiert an seiner digitalen Zukunft. In Wahrheit werden hier mit deutscher Gründlichkeit die Märkte von morgen verspielt.

Von Karl-Heinz LandDer Grund: Die Idee der Industrie 4.0 springt zu kurz. Damit optimieren die Unternehmen die Produktion und ihr tradiertes Geschäftsmodell als Lieferant – eine Rolle, die es so eindeutig in der vernetzten Wirtschaft nicht mehr geben wird. Natürlich ist es gut, wenn moderne Fabriken flexibel reagieren können, automatisiert und hochproduktiv sind, ohne Probleme Losgröße 1 herstellen können und kaum Ausfallzeiten aufweisen. Aber das sind alles Grundanforderungen der digitalisierten Wirtschaft, die jedes Unternehmen künftig erfüllen muss. Erfolg und Misserfolg entscheiden sich auf anderen Feldern.


Der Beitrag erschein zuerst in der Fachzeitschrift Automationspraxis 1-2/2018. 
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Wer wird im digitalen Spiel gewinnen? Vor allem Unternehmen, die verstehen, dass mit dem Internet der Dinge eine hochvernetzte Wirtschaft 4.0 entsteht, aus der die Intermediäre (also Mittelsmänner) verschwinden. Geschäfte werden künftig direkter und in wechselnden Partnerschaften, sogar mit Konkurrenten, abgewickelt. Dementsprechend stehen die Produkte immer weniger für sich. Entscheidend wird sein, welchen Mehrwert sie im Systemverbund mit anderen Produkten oder Produktsystemen entfalten.

Zeit der Dematerialisierung

Ohnehin erfolgt die Wertschöpfung zunehmend über Software und Services, nicht über Hardware. Digitalen, datengetriebenen Geschäftsmodellen gehört die Zukunft. Produktionskapazitäten, die man jetzt für viel Geld digitalisiert, werden in Zukunft überhaupt nicht mehr benötigt. Denn wir leben im Zeitalter der Dematerialisierung. Eine Produktkategorie nach der anderen verwandelt sich in eine Software, in eine App, in einen Service. Für die Funktionen, die man heute mit dem Smartphone durchführen kann, hätte man früher eine Wagenladung an Hardware benötigt: Kameras, Scanner, Mischpulte, Stereoanlagen, Telefonanlagen, Videokonferenzsysteme…

Internet der Dinge und Sharing Economy heizen die Dematerialisierung weiter an. Wenn sich physische Produkte aber in Software auflösen, dann werden ganze Wertschöpfungsketten obsolet, mit all ihren Fabriken, Maschinen und Arbeitsplätzen. Es wäre klüger, sich mit diesem Umbruch auseinanderzusetzen, bevor man weitere smarte Fabriken in die Landschaft setzt oder viel Geld in die Umrüstung bestehender Anlagen steckt.

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