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Brot & Spiele: ein Schreckensszenario für die digitale Welt?

Blog-Eintrag   •   Jul 25, 2016 17:17 CEST

Karl-Heinz Land, Digital Evangelist und Gründer der Strategieberatung neuland

In der Digitalen Transformation streben wir auf einen Zustand zu, in dem Vollbeschäftigung nur noch eine sehnsüchtige Reminiszenz an längst vergangene Zeiten sein wird. Bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze drohen auf Nimmerwiedersehen verloren zu gehen. Die sozialen Folgen werden immens sein. Vielleicht steht sogar die Demokratie auf dem Spiel. Wir können Stand heute nur spekulieren, was passieren wird. Aber die Gesellschaft muss sich endlich vorbereiten. 

Erinnern Sie sich an die wunderbaren Bilder der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich? Die akrobatische Einlage Jérôme Boatengs, der sein eigenes Eigentor verhinderte, war solch ein Highlight. Aber zumindest von der Gruppenphase sind auch viele hässliche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Hooligans aus mehreren Nationen nutzten das sportliche Großereignis als Bühne. Besonders erschreckend ist, wie ungehemmt russische Gewalttäter ihre Aggressionen ausgelebt haben.

Ich werde den Gedanken nicht los, dass wir hier schleichend einen weiteren Bedeutungswandel solcher Massenevents erleben. Sie sind längst „Big Business“ und Teil einer globalen Unterhaltungsindustrie. Und sie sind Ausdruck eines politischen Willens. Nationen und Regierungen nutzen sie, um sich zu profilieren und zu inszenieren. Olympia in Sotschi und Peking, die Fußball-WM bald in Russland und in Katar - absurd, aber im Prinzip nicht neu. Der Sport wurde schon immer instrumentalisiert. Jetzt kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Was wird passieren, wenn in der Digitalen Transformation die Hälfte der Menschen ihren Job verliert? Wenn die Leute ihr Leben und ihren Selbstwert überhaupt nicht mehr über Arbeit und Einkommen definieren können? Halten Politik und Gesellschaft für diese „arbeitslosen“ Menschen dann ein Angebot bereit, das diese als sinnstiftend empfinden?

Kaum erträglicher Wahnsinn

Oder steuern wir auf Zustände wie im alten Rom zu? Landen wir wieder bei „panem et circenses“, Brot und Spielen, wie der Satiriker Juvenal damals spottete? Die Kaiser hielten den römischen Plebs ruhig, indem sie immer mehr und immer größere Massenevents organisierten. Mit Wagenrennen und blutrünstigen, brutalen Kämpfen zwischen Gladiatoren und mit Tieren - die totale Perversion. Mit dem Colosseum in Rom schufen sie dafür eine Arena mit über 85.000 Plätzen. Und es gab für die Armen tatsächlich Brot, denn ein satter Bauch begehrt nicht auf. Der Historiker Livius registrierte entgeistert, „wie sich die Sache von einem gesunden Anfang zu diesem (…) kaum noch erträglichen Wahnsinn entwickelt hat“.

Es ist interessant, dass Science Fiction- und Fantasy-Autoren immer wieder auf den Irrsinn jener Zeit zurückkommen. Sie projizieren eine Zukunft, in denen es in Spielen wieder um Leben und Tod geht - und um abgelenkte Massen. Man denke an den Klassiker „Rollerball“ von 1975, in dem herrschende Konzerne die Menschen mit einem Spiel ruhigstellen, das regelmäßig Tote und Schwerverletzte fordert. Die haben die russischen Randalierer in Frankreich auch in Kauf genommen, wobei sie durch die Rückendeckung aus ihrer Heimat zusätzlich motiviert wurden. Ein russischer Politiker und Fußballfunktionär twitterte tatsächlich: "Ich sehe nichts Falsches dabei, wenn Fußballfans kämpfen. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs! Macht weiter so!" Wahnsinn.

Schlüsselthema Bildung

Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass die Digitale Transformation Gesellschaften hervorbringt, in der Millionen Menschen nach dem Prinzip „panem & circenses“ bei Laune gehalten werden. Mit Almosen (panem) und Massenunterhaltung in Medien und bei Events (circenses). Das Szenario ist real, aber glücklicherweise nicht das einzig mögliche. Damit Deutschland einen besseren Weg findet, müssen sich Politik und Gesellschaft aber dringend und ernsthaft mit den wirklichen Folgen der Digitalen Transformation auseinandersetzen. Mit ihren Chancen, aber auch mit ihren Risiken.

Die Bilder von Gewalt, Menschenmassen und Sport aus Frankreich können ein Phänomen unserer Jetztzeit und der aktuellen sozialen und politischen Situation sein. Ich halte es aber für durchaus möglich, dass wir sie in der Rückschau anders bewerten werden: als Wetterleuchten des digitalen Sturms. Beginnen wir also endlich eine ernsthafte Debatte zur Digitalen Transformation, damit dieser Sturm unsere Werte, Ideale und auch unsere Demokratie nicht einfach hinwegfegt, sondern unser Leben verbessert.

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